Crash an der Börse: Was tun – und was nicht?

Ein Börsencrash fühlt sich selten „logisch“ an. Schlagzeilen überschlagen sich, Kurse fallen in kurzer Zeit deutlich, dein Depot wirkt plötzlich wie ein Problem, das du sofort lösen musst. Genau hier passieren die teuersten Fehler: hektisch handeln, aus Angst verkaufen, ohne Plan nachkaufen – oder beides.

Dieser Guide ist bewusst pragmatisch: Was du in einem Crash tun solltest, damit du handlungsfähig bleibst – und was du besser lässt, weil es langfristig oft Rendite kostet. Ohne Hype. Ohne Hellsehen. Mit klarem Prozess.

Inhaltsverzeichnis

1) Was ist ein „Crash“ – und warum er sich so brutal anfühlt

Im Alltag meinen viele mit „Crash“ einfach: zweistellige Verluste in kurzer Zeit, begleitet von Panik, Unsicherheit und dem Gefühl, dass „diesmal alles anders ist“. Psychologisch ist das normal: Verluste schmerzen stärker als gleich hohe Gewinne Freude machen. Und wenn Kurse schnell fallen, wirkt es, als müsste man sofort reagieren.

Wichtig ist: Ein Crash ist nicht nur ein Kursereignis, sondern ein Stress-Test für deinen Prozess. Wenn du ohne Plan investierst, fühlt sich jeder Rückgang existenziell an. Mit Plan ist ein Crash vor allem eines: unangenehm – aber handhabbar.

Merksatz: Im Crash entscheidet nicht dein „Wissen“, sondern deine Reaktion. Ein guter Prozess schlägt jede spontane Bauchentscheidung.

2) 10-Minuten-Check: Das solltest du jetzt sofort prüfen

Bevor du irgendetwas kaufst oder verkaufst, mach diesen kurzen Realitäts-Check:

  1. Brauchst du das Geld in den nächsten 12–24 Monaten? (Umzug, Auto, Jobwechsel, Rücklagen?)
  2. Wie hoch ist dein Notgroschen? (Faustregel: mehrere Monatsausgaben, je nach Lebenssituation.)
  3. Was genau fällt? Einzelaktie, Branchen-ETF, Welt-ETF, Krypto, gehebelte Produkte?
  4. Was ist dein Anlagehorizont? 3 Jahre, 10 Jahre, 20 Jahre?
  5. Wie ist deine Risikoverteilung? Aktien/ETFs vs. Cash/Tagesgeld vs. Anleihen.
  6. Hast du Schulden mit hohem Zins? (Kreditkarten, Dispo, teure Konsumkredite.)

Dieser Check klingt simpel, ist aber der Kern: Wenn du kurzfristig Liquidität brauchst, ist „durchhalten“ manchmal nicht realistisch. Wenn du langfristig investierst und Rücklagen hast, ist Aktionismus oft der Fehler.

3) Was tun im Crash? Die sinnvollen Schritte

3.1 Erst stabilisieren: Liquidität vor Rendite

Der wichtigste Schritt ist nicht „Buy the Dip“. Der wichtigste Schritt ist: finanziell stabil bleiben. Ein Crash wird dann gefährlich, wenn du gezwungen bist, im Tief zu verkaufen – weil dir Cash fehlt.

  • Baue/halte einen Notgroschen, damit du nicht aus Zwang verkaufen musst.
  • Wenn dein Einkommen unsicher ist: Risiko reduzieren heißt oft Cash-Polster erhöhen, nicht hektisch traden.
  • Wenn du teure Schulden hast: Tilgung kann eine „sichere Rendite“ sein.

3.2 Ruhe reinbringen: Weniger schauen, besser entscheiden

Im Crash bekommst du alle 5 Minuten neue Impulse: „Jetzt verkaufen!“, „Jetzt nachkaufen!“, „Alles geht auf Null!“. Wenn du dauernd schaust, triffst du Entscheidungen im Alarmzustand.

  • Setze eine Regel: Depot maximal 1× pro Woche prüfen (oder noch seltener).
  • Schlagzeilen konsumieren: ja. Doomscrolling: nein.
  • Wenn du jeden Tick spürst, ist die Aktienquote vielleicht zu hoch.

3.3 Sparplan weiterlaufen lassen (wenn dein Plan grundsätzlich passt)

Wenn du mit einem langfristigen ETF-Sparplan investierst und keine Liquiditätsnot hast, ist „dranbleiben“ oft der wirksamste Schritt. Denn Sparpläne kaufen automatisch mehr Anteile, wenn Kurse niedriger sind – du nutzt Schwächephasen, ohne sie timen zu müssen.

Falls du noch unsicher bist, wie du Sparpläne sinnvoll nutzt: Hier ist ein passender Grundlagenartikel von sanbaoo: ETF-Sparplan erklärt: So investierst du Schritt für Schritt.

3.4 Rebalancing: „Zurück zur Zielverteilung“ statt Market-Timing

Rebalancing heißt: Du bringst dein Portfolio zurück auf deine geplante Aufteilung (z. B. 70% Aktien / 30% risikoärmer). In einem Crash sinkt der Aktienanteil oft – und Rebalancing bedeutet dann: kontrolliert nachkaufen, nicht impulsiv.

  • Definiere Zielquoten (z. B. 60/40 oder 80/20).
  • Lege einen Korridor fest (z. B. ±5 Prozentpunkte).
  • Rebalance nur, wenn du außerhalb des Korridors bist – nicht bei jeder Bewegung.

Vorteil: Du machst das Gegenteil von Panik. Du kaufst, wenn etwas stark gefallen ist – aber nach Regel, nicht nach Gefühl.

3.5 Qualität checken: Was ist „Markt“ – und was ist „Wette“?

Nicht alles im Depot reagiert gleich: Ein breit gestreuter Welt-ETF ist etwas anderes als eine Einzelaktie, ein Sektor-ETF, Krypto oder gehebelte Produkte. Im Crash zeigt sich, ob dein Risiko wirklich zu dir passt.

  • Breit gestreute ETFs sind oft robuster, weil sie viele Unternehmen bündeln.
  • Einzelaktien können dauerhaft abstürzen (Geschäftsmodell bricht, Kapitalerhöhung, Insolvenzrisiko).
  • Hebel/Derivate können Verluste beschleunigen – psychologisch und finanziell.

Wenn du die Basics zu ETF vs. Aktien auffrischen willst: ETF oder Aktien? – Was ist besser für Anfänger?

3.6 In Tranchen denken: Nachkaufen ja – aber mit Plan

„All-in“ im Crash ist selten klug. Du weißt nicht, wo das Tief ist. Wenn du nachkaufen willst (und es zu deinem Risiko passt), nutze einen einfachen, planbaren Ansatz:

  • Teile dein Zusatzbudget in 3–5 Tranchen.
  • Kaufe z. B. alle 2–4 Wochen eine Tranche – unabhängig von Schlagzeilen.
  • Oder knüpfe Tranchen an klare Regeln (z. B. wenn deine Aktienquote unter Ziel fällt).

Ergebnis: Du reduzierst Timing-Stress und baust Positionen kontrolliert auf.

3.7 Steuern & Technik: Nicht „optimieren“, aber Fehler vermeiden

Im Crash passieren auch operative Fehler: falsche Ordertypen, unnötige Verkäufe, Steuer-Irrtümer. Du musst nicht „Steuer-Tricks“ suchen – aber Grundmechaniken helfen, Überraschungen zu vermeiden.

  • Verkäufe können steuerliche Folgen haben (Gewinne/Verluste, Verlustverrechnung).
  • Wenn du mehrere Depots hast, lohnt sich Überblick über Gewinne/Verluste pro Broker.
  • Bei ETFs/Fonds können Buchungen wie Vorabpauschale eine Rolle spielen (je nach Produkt und Jahr).

Passender sanbaoo-Artikel: Steuern auf Kapitalerträge: Freistellungsauftrag, Vorabpauschale & Verlustverrechnung.

4) Was du im Crash nicht tun solltest

4.1 Nicht aus Panik verkaufen (wenn du langfristig investierst)

Der Klassiker: Man verkauft, um „weiteren Schmerz zu vermeiden“. Kurzfristig fühlt sich das wie Kontrolle an. Langfristig ist es häufig das Gegenteil: Du realisierst Verluste – und verpasst oft die Erholungsphase, weil der Wiedereinstieg noch schwerer fällt.

4.2 Nicht versuchen, das Tief perfekt zu timen

„Ich warte, bis es sicher ist“ klingt klug, ist aber meist eine Falle: Wenn es sich wieder sicher anfühlt, sind Kurse oft schon deutlich gestiegen. Ein guter Prozess (Sparplan, Tranchen, Rebalancing) ist realistischer als das perfekte Timing.

4.3 Nicht alles auf einmal umschichten („Jetzt komplett defensiv!“)

Viele wechseln im Crash plötzlich die Strategie: Von Aktien auf Cash, von ETFs auf „sichere Geheimtipps“, von lang auf kurzfristig. Das Problem: Strategiewechsel im Stress ist selten rational. Wenn du deine Risikostruktur anpassen willst, mach es geplant – nicht in der Panikminute.

4.4 Kein „Rettungs-Trading“: Hebel, Zocken, Rachekäufe

Nach Verlusten entsteht oft der Impuls, „es schnell zurückzuholen“. Das führt zu riskanten Trades, hohen Gebühren und noch mehr Stress – besonders mit Hebelprodukten. Wenn du investieren willst, investiere. Wenn du traden willst, akzeptiere das Risiko bewusst. Vermische es im Crash nicht.

4.5 Keine Stop-Loss-Automatik ohne Verständnis

Stop-Loss klingt nach Sicherheit, kann im Crash aber zu ungünstigen Ausführungen führen (z. B. wenn Kurse schnell springen oder Spreads breiter werden). Wenn du Stop-Loss nutzt, dann als Teil einer klaren Handelsstrategie – nicht als Beruhigungspille.

4.6 Nicht die Diversifikation „vergessen“

Im Boom wirken konzentrierte Wetten genial. Im Crash merkst du, wie schnell Klumpenrisiken weh tun. Wenn du merkst, dass 1–3 Positionen dein Depot dominieren, ist das ein Hinweis: Diversifikation ist nicht langweilig – sie ist Stabilität.

5) Crash-Fahrplan: Eine einfache Strategie für die nächsten Wochen

Wenn du nach dem Lesen nur eine Sache mitnimmst, dann diese: Du brauchst einen klaren Ablauf. Hier ist ein einfacher Fahrplan, der für viele langfristige Anleger funktioniert (anpassbar an deine Situation):

Schritt A: Einmal sauber einordnen

  • Zeithorizont definieren: kurzfristig (1–3 Jahre) vs. langfristig (10+ Jahre)
  • Notgroschen prüfen
  • Ziel-Allokation festlegen (z. B. 70/30)

Schritt B: Standardmodus aktivieren

  • Sparplan läuft weiter (sofern finanziell möglich)
  • Depot-Check selten (z. B. wöchentlich)
  • Keine spontanen „Alles-oder-nichts“-Moves

Schritt C: Optionales Nachkaufen mit Tranchen

  • Zusatzbudget in Tranchen teilen
  • Regelbasiert investieren (Zeitplan oder Rebalancing-Korridor)
  • Nach jedem Kauf: Ruhe. Kein „noch schnell nachlegen“, nur weil es wieder fällt.

Schritt D: Lernen statt leiden

Ein Crash ist auch Feedback: War dein Risiko zu hoch? War dein Depot zu kompliziert? Hast du ohne Plan gekauft? Wenn ja, ist das keine Schande – es ist ein Signal, deine Strategie zu vereinfachen.

Wenn du die Logik hinter Kursbewegungen besser verstehen willst (hilft enorm gegen Schlagzeilen-Stress): Was bewegt Aktienkurse? Angebot, Nachfrage & Erwartungen.

6) Häufige Fragen (FAQ)

Soll ich im Crash alles verkaufen und später wieder einsteigen?

Wenn du langfristig investierst, ist „alles verkaufen“ meistens eine emotionale Reaktion – und die Rückkehr ist schwer. Sinnvoller ist oft: Liquidität sichern, Risiko prüfen, Prozess einhalten. Falls du tatsächlich kurzfristig Geld brauchst, kann ein Teilverkauf trotzdem notwendig sein.

Ist es schlau, jetzt „günstig“ zu kaufen?

„Günstig“ ist relativ: Kurse können weiter fallen. Nachkaufen kann sinnvoll sein, wenn es zu deinem Plan passt. Am besten nicht als All-in, sondern als Tranche-Plan oder über Sparpläne/Rebalancing.

Was ist, wenn es diesmal wirklich anders ist?

Dieses Gefühl gehört zu jedem Crash. Aber: Niemand weiß es sicher. Genau deshalb ist ein robustes Setup wichtig: Diversifikation, passende Aktienquote, Notgroschen, Zeit. Du musst nicht die Zukunft kennen – du musst nur so aufgestellt sein, dass du sie aushältst.

Sollte ich meinen ETF-Sparplan pausieren, weil alles fällt?

Wenn du finanziell stabil bist, ist Pausieren oft kontraproduktiv: Dann kaufst du weniger Anteile in günstigen Phasen. Wenn du jedoch Liquiditätsprobleme bekommst oder dein Notgroschen zu klein ist, kann eine Pause aus Sicherheitsgründen sinnvoll sein.

Welche Rolle spielen Börsenzyklen?

Märkte bewegen sich in Phasen: Aufschwung, Seitwärts, Rückgang. Wer das akzeptiert, ist weniger überrascht, wenn es mal kracht. Ein guter Einstieg: Börsenzyklen verstehen: Bullenmarkt, Bärenmarkt & Seitwärtsphasen.

Fazit

Ein Crash an der Börse ist kein Moment für perfekte Prognosen – sondern für einen sauberen Prozess. Was du tun solltest: Liquidität sichern, Risiko prüfen, Sparplan/Regeln beibehalten, optional in Tranchen nachkaufen, Rebalancing nutzen. Was du lassen solltest: Panikverkäufe, Tiefpunkt-Timing, Rettungs-Trading, hektische Strategiewechsel.

Wenn du nach dem Crash weniger nervös bist als davor, hast du gewonnen – unabhängig davon, was die Kurse morgen machen.

Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Anlage- oder Steuerberatung dar.

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